Warum wir (immer noch) über Nachhaltigkeit berichten

Karoline Bünker08.10.2026

Unser Nachhaltigkeitsbericht 2025 ist online. Wir haben ihn mithilfe des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) nach dem europäischen VSME-Standard erstellt. Verpflichtet sind wir dazu als Unternehmen mit nicht mal 40 Beschäftigten nicht. Der "Omnibus" hat die Latte tiefer gelegt. Die EU-Richtlinie EmpCo* produziert Unsicherheiten. Der politische und gesellschaftliche Wind dreht sich.

Warum tun wir uns das trotzdem weiter an? Und was lernen wir daraus?

Der Bericht ist zuerst ein Werkzeug für uns

Seit 2022 berichten wir über unsere Treibhausgasemissionen, Abfallaufkommen, Geschlechterzusammensetzung, Beschaffungsbedingungen und vieles mehr. Das bedeutet eine Menge Arbeit: Wesentlichkeitsüberlegungen, Daten zusammentragen, rechnen, auswerten, Strategiearbeit, schreiben, prüfen, nachfragen, wieder rechnen, weiter schreiben.

Unser erster Bericht hatte 64 Seiten. Ich nannte ihn liebevoll meine "Sandstorm-Diplomarbeit". Er war eine meiner ersten Amtshandlungen, nachdem ich ins Unternehmen gekommen war. Wochenlang habe ich in der MoRu (Morgenrunde) gemeldet: "Und dann arbeite ich weiter am Bericht." Irgendwann fragte mich ein Kollege, was daran eigentlich so lange dauert. Ich zeigte ihm den Leitfaden. Danach kam die Frage nicht mehr.

So mühsam es war: Eine gründlichere Art, das Unternehmen kennenzulernen, hätte es kaum gegeben. An manchen Stellen wusste ich plötzlich mehr über die Sandstorm-DNA als Teammitglieder, die seit Jahren dabei waren.

Und es hat sich einiges daraus entwickelt. Nicht nur Maßnahmen zum Stromsparen, Raumklimamonitore oder ein Beschaffungskodex. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass Frauen bei uns deutlich weniger Fortbildungsstunden nutzen als Männer. Wir haben Teambefragungen und Stakeholder-Dialoge eingeführt. Wir verstehen besser, was unseren Teammitgliedern wichtig ist und was Kund:innen von uns erwarten. Daraus entstehen neue Gespräche, Formate und Angebote.

Die kurze Antwort, die wir selbst erst mit der Zeit gefunden haben, lautet also: Wir schreiben den Bericht nicht in erster Linie für andere. Er bringt uns jedes Jahr dazu, genauer hinzuschauen. Wo entstehen unsere Emissionen? Welche Risiken betreffen uns? Wo haben wir blinde Flecken? Wo versickern Ressourcen? Und wo können wir besser werden?

Die Mühen der Ebene

Als kleines Unternehmen haben wir keine eigene Nachhaltigkeitsabteilung und große ESG-Software lohnt sich für uns nicht. Also haben wir gemacht, was wir bei Sandstorm ziemlich oft machen: Wir haben angefangen.

Bei unseren ersten DNK-Erklärungen haben wir uns Schritt für Schritt durch die Kriterien gearbeitet. Welche Frage können wir schon beantworten? Welche Daten haben wir irgendwo? Wen müssen wir fragen? Wo müssen wir schätzen? Und wo müssen wir schlicht sagen: Das wissen wir noch nicht. Oder auch: Das ist bei uns einfach nicht interessant.

Dabei haben wir in den vergangenen Jahren auch verschiedene Werkzeuge für unsere Emissionsbilanz ausprobiert. Mit jedem Jahr lernen wir etwas dazu und versuchen, Datengrundlage und Berechnung zu verbessern. Das hat allerdings einen Nachteil: Wenn sich Methode oder Datengrundlage verändern, sind die Ergebnisse nicht ohne Weiteres mit dem Vorjahr vergleichbar.

Das ist ein bisschen unbefriedigend. Aber wir halten es für besser, unsere Methoden zu verbessern und den Bruch transparent zu machen, als jahrelang an einer schlechteren Berechnung festzuhalten, nur damit die Diagramme schöner aussehen.

Was wir jetzt auf alle Fälle wissen: Man muss nicht erst das perfekte Nachhaltigkeitsmanagement aufbauen, um anzufangen. Nach bestem Wissen und Gewissen starten, die eigene Methode dokumentieren (unbedingt alle Checklisten aufheben!), Fehler korrigieren und Auslassungen sichtbar machen funktioniert. Mut zur Lücke.

VSME und DNK: inzwischen etwas pragmatischer

Seit unseren ersten Berichten hat sich auch die Berichtslandschaft verändert. Für 2025 nutzen wir erstmals den VSME, den freiwilligen europäischen Standard für kleine und mittlere Unternehmen.

Für uns passt er ganz gut: Der DNK führt mit konkreten Fragen durch die Anforderungen, und wir müssen nicht jedes Jahr bei null anfangen. Unser Bericht hat außerdem den DNK-Plausibilitätscheck durchlaufen. Dabei wird geprüft, ob er konsistent, verständlich und formal vollständig ist. Wichtig ist uns aber auch, was das nicht bedeutet: Es ist keine Zertifizierung unserer Nachhaltigkeitsleistung und kein Siegel dafür, dass Sandstorm besonders nachhaltig wäre.

EmpCo: richtig - und anstrengend

Ähnlich ambivalent ist unser Verhältnis zur neuen EmpCo-Regulierung gegen Greenwashing. Im Kern finden wir sie richtig. Begriffe wie "grün", "umweltfreundlich" oder "nachhaltig" sollten nicht einfach deshalb auf Webseiten und Produkten stehen, weil sie gut klingen. Wer Umweltwirkungen behauptet, sollte sagen können, was genau damit gemeint ist. Sollten Unternehmen sich davon abschrecken lassen, an ihrer Nachhaltigkeit zu arbeiten und darüber transparent zu berichten - und sich über ihre Erfolge zu freuen, vielleicht sogar Vorbilder zu sein? Nö!

Momentan macht uns die EmpCo vor allem Arbeit. Wir schauen gerade ziemlich genau auf unsere eigene Kommunikation: Wo sind wir konkret? Wo erklären wir ausreichend, was wir meinen? Und wo haben wir in der Vergangenheit vielleicht einen Satz gewählt, weil er schön knackig war? Ein Beispiel ist unser früher oft verwendeter Satz:

"Wir möchten mit Software die Welt verbessern."

Die Haltung dahinter ist nicht verschwunden. Wir glauben weiterhin, dass Software einen wichtigen Beitrag leisten kann und an vielen Stellen leisten muss. Trotzdem würden wir den Satz heute so nicht mehr verwenden. Software verbessert schließlich nicht automatisch irgendetwas. Sie kann Ressourcen sparen oder verschwenden. Menschen Arbeit erleichtern oder neue Abhängigkeiten schaffen. Teil einer guten Infrastruktur sein oder einfach noch ein digitales Produkt mehr. "Die Welt verbessern" ist schön kurz. Vielleicht ein bisschen zu schön kurz.

Manche alten Social-Media-Posts lesen sich mit dem Wissen von heute ein bisschen cringe...

Was ist mit "nachhaltiger Software"?

Noch ein Beispiel ist "nachhaltige Software", darüber sprechen wir an vielen Stellen. Dürfen wir das noch? Ein spezialisierter Antwalt hat mir am Rande einer Konferenz geraten, den Begriff "Nachhaltigkeit" einfach überall rauszuschmeißen. Sicher ist sicher. "Resilienz" dürfte man jetzt verwenden. Das fühlt sich nicht wie die Lösung an. Aber wir müssen vielleicht besser erklären: Was genau soll "nachhaltige Software" eigentlich sein?

Das wirft viele Fragen auf: Brauchen wir diese Software überhaupt? Wie lange lässt sie sich nutzen und weiterentwickeln? Macht sie abhängig von einzelnen Anbietern? Wie effizient geht sie mit Infrastruktur und Daten um? Ist sie zugänglich? Und welche Wirkung hat das System, zu dem sie gehört? Darüber schreiben und unterrichten wir z.B. in der Sandstorm Academy: Nachhaltige Digitalisierung beginnt nicht erst im Rechenzentrum.

Unser Anspruch ist weniger, einfach Worte zu ersetzen, sondern besser zu erklären, was wir konkret meinen.

Luft nach oben

Unser Bericht zeigt nicht nur, was wir tun. Er zeigt auch, was noch fehlt. Wir haben zum Beispiel keine konkreten quantitativen Reduktionsziele für unsere Emissionen festgelegt. Wir sehen darin einfach nicht unseren eigentlichen Hebel, um etwas zu verbessern. Über mehrere Jahre hinweg sind unsere Klimabilanzen noch nicht vergleichbar. Ob das mal klappt, können wir nicht versprechen. Das ist kein besonders glamouröser Teil der Nachhaltigkeitsarbeit. Aber für uns lohnt er sich trotzdem. Einfach anfangen, kein Perfektionismus. Deshalb berichten wir immer noch.
 

KI generiert: Das Bild zeigt eine Person, die einen kleinen Globus mit einem lächelnden Gesicht in den Händen hält, neben einer stilisierten grünen Baumillustration und einem blauen Schaltkreis-Muster. Der Hauptinhalt des Bildes ist die symbolische Darstellung von Umweltbewusstsein und globaler Verbundenheit.